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Erkrankung

ISG-Syndrom

Beim ISG-Syndrom geht der Schmerz vom Kreuz-Darmbein-Gelenk aus: einseitig tief am Kreuz, beim Aufstehen, Treppensteigen und Umdrehen im Bett, ohne Taubheit oder Schwäche. Die Diagnose stützt sich auf mehrere Provokationstests und eine gezielte Betäubung des Gelenks. Behandelt wird fast immer ohne Operation; eine Versteifung des Gelenks kommt nur selten und unter strengen Bedingungen in Betracht.

Auch bekannt als: Iliosakralgelenksyndrom, ISG-Blockade, ISG-Schmerz, Kreuz-Darmbein-Gelenk, Sakroiliakalgelenk, Sakroiliakalgelenksyndrom, ISG-Dysfunktion, ISG-Arthrose, ISG-Verschraubung, ISG-Versteifung

Körperregion: Iliosakralgelenk

Das Kreuz-Darmbein-Gelenk — das Iliosakralgelenk, kurz ISG — wird bei Kreuzschmerzen oft übersehen und manchmal vorschnell verantwortlich gemacht. Es liegt tief, ist kaum beweglich und lässt sich im Bild schlecht beurteilen. Diese Seite erklärt, woran wir erkennen, ob der Schmerz wirklich von dort kommt, was hilft und wann — selten — eine Versteifung des Gelenks in Betracht kommt.

Beim ISG-Syndrom ist die Diagnose die eigentliche Arbeit. Kein einzelner Test und kein Bild beweist sie; erst mehrere Untersuchungsgriffe zusammen und eine gezielte Betäubung des Gelenks machen sie belastbar. Behandelt wird fast immer ohne Operation.

Was ist das?

Das Iliosakralgelenk verbindet auf jeder Seite das Kreuzbein mit dem Darmbein des Beckens. Es ist kein Gelenk zum Bewegen, sondern zum Tragen: Über seine verzahnten Flächen und sehr kräftige Bänder wird das Gewicht des Rumpfes auf die Beine übertragen, mit nur wenigen Grad Spiel. Beim ISG-Syndrom geht der Schmerz von diesem Gelenk oder seinen Bändern aus — durch Verschleiß, Überlastung, Lockerung oder Fehlstellung. Der volkstümliche Begriff „ISG-Blockade“ beschreibt ein Gefühl von Steifigkeit; eine tatsächlich verkeilte Gelenkstellung lässt sich dabei in der Regel nicht nachweisen.

Abzugrenzen ist die Sakroiliitis, eine Entzündung des Gelenks im Rahmen entzündlich-rheumatischer Erkrankungen wie der axialen Spondyloarthritis. Sie macht ähnliche Schmerzen, wird aber anders behandelt und gehört in rheumatologische Hände.

Welche Beschwerden treten auf?

Typisch ist ein einseitiger Schmerz tief unten am Kreuz, unterhalb der Gürtellinie, über dem Gelenk selbst; viele Betroffene können die Stelle mit einem Finger zeigen. Er strahlt ins Gesäß, in die Leiste oder in die Rückseite des Oberschenkels aus, selten bis unter das Knie. Verstärkt wird er beim Aufstehen aus dem Sitzen, beim Treppensteigen, beim Umdrehen im Bett, beim Stehen auf einem Bein und nach langem Sitzen oder Autofahren. Taubheit, Kribbeln entlang eines Streifens und Kraftverlust gehören nicht dazu — sie sprechen für eine gereizte Nervenwurzel, also einen Ischias.

Anders klingt es, wenn der Schmerz vor allem nachts und in den frühen Morgenstunden auftritt, mit Steifigkeit, die sich durch Bewegung bessert, und bei jüngeren Menschen beginnt: Dann muss an eine entzündliche Ursache gedacht werden.

Ursachen

Häufig ist eine Überlastung ohne klaren Auslöser, bei Verschleiß der Gelenkflächen oder nach einem Sturz auf das Gesäß. Beinlängenunterschiede, eine Skoliose und Hüfterkrankungen verändern die Belastung des Gelenks; in Schwangerschaft und nach der Geburt lockern hormonell bedingt die Bänder. Beobachtet wird das ISG-Syndrom auch nach einer Versteifung der unteren Lendenwirbelsäule, weil das Gelenk dann mehr Bewegung übernehmen muss. Seltener stecken eine Entzündung, ein Ermüdungsbruch des Kreuzbeins bei Osteoporose oder eine allgemeine Überbeweglichkeit der Gelenke dahinter.

Wie wird es festgestellt?

Am Anfang steht der Ausschluss der Nachbarn: Bandscheibe, Wirbelkanal, Wirbelgelenke und Hüfte machen ähnliche Schmerzen und werden bei der Untersuchung mitgeprüft. Dann folgen die Provokationstests — Untersuchungsgriffe, mit denen wir das Gelenk gezielt unter Spannung setzen, etwa durch Druck auf die Beckenschaufeln, Druck auf den Oberschenkel bei gebeugter Hüfte oder Überstreckung eines Beins. Ein einzelner positiver Test sagt wenig; wenn mehrere der Griffe den bekannten Schmerz auslösen, steigt die Wahrscheinlichkeit deutlich. Das Nervensystem ist beim ISG-Syndrom unauffällig.

Röntgen und MRT zeigen beim ISG-Syndrom meist wenig Spezifisches; ihre Aufgabe ist es, anderes auszuschließen — Bruch, Tumor, Hüftarthrose, Bandscheibenvorfall — und bei Verdacht auf Entzündung die Sakroiliitis nachzuweisen. Dann gehören auch Blutwerte dazu. Als aussagekräftigster Einzelschritt gilt die diagnostische Infiltration: Unter Röntgen- oder CT-Kontrolle wird ein örtliches Betäubungsmittel in das Gelenk gespritzt. Lässt der Schmerz für die Wirkdauer deutlich nach, spricht das für das Gelenk. Auch dieser Test kann täuschen, weshalb er bei weitreichenden Entscheidungen wiederholt wird — er ist ein Baustein, kein Beweis.

Warnzeichen

Ein ISG-Syndrom ist kein Notfall. Rasch abgeklärt werden muss ein Kreuzschmerz aber, wenn Fieber, ungewollter Gewichtsverlust, eine Krebserkrankung in der Vorgeschichte, ein Sturz bei bekannter Osteoporose oder nächtlicher Ruheschmerz hinzukommen — und sofort, bei Taubheit im Dammbereich, neuer Blasen- oder Darmstörung oder einer zunehmenden Lähmung. Mehr dazu auf der Seite Warnzeichen.

Konservative Behandlung

Die Behandlung ohne Operation ist beim ISG-Syndrom der Regelfall und für die allermeisten auch der Weg zum Ziel. Sie setzt bei dem an, was das Gelenk überlastet.

  • Physiotherapie und eigenes Training — Kräftigung der Gesäß-, Bauch- und tiefen Rückenmuskulatur, die das Becken stabilisiert; Dehnung verkürzter Hüftmuskeln; Mobilisation des Gelenks und der Lendenwirbelsäule. Manuelle Therapie kann kurzfristig lösen, ersetzt das Training aber nicht.
  • Ausgleich von Belastungsfaktoren — Schuherhöhung bei relevantem Beinlängenunterschied, ein Beckengurt in Schwangerschaft und Wochenbett, Behandlung einer Hüfterkrankung.
  • Schmerzmittel — entzündungshemmende Mittel für begrenzte Zeit in der niedrigsten wirksamen Dosis, damit Bewegung möglich bleibt. Wärme, wenn sie guttut.
  • Infiltration des Gelenks — ein entzündungshemmendes Medikament unter Bildkontrolle in das Gelenk kann den Schmerz für Wochen bis Monate lindern und die Zeit für den Muskelaufbau überbrücken; ein dauerhafter Effekt ist nicht belegt. Sie kann in Betracht kommen, wenn die diagnostische Betäubung das Gelenk als Ursache wahrscheinlich gemacht hat.
  • Verödung der Gelenknerven (Radiofrequenz-Denervation) — die kleinen Nervenäste an der Rückseite des Gelenks werden mit einer Sonde durch Hitze ausgeschaltet. Das kann in Betracht kommen, wenn eine Betäubung deutlich geholfen hat; die Studienlage ist uneinheitlich, und die Wirkung ist zeitlich begrenzt.
  • Multimodale Schmerztherapie — bei Beschwerden über Monate eine kombinierte Behandlung aus Bewegung, Schmerzmedizin und psychologischer Begleitung. Bei entzündlicher Ursache steht die rheumatologische Behandlung im Vordergrund.

Wann eine Operation erwogen wird

Selten — und nur, wenn mehrere Bedingungen zusammenkommen: Die Diagnose ist durch die Untersuchung und durch eine bildgesteuerte Betäubung des Gelenks mit deutlicher, wiederholbarer Schmerzlinderung gesichert; andere Ursachen an Lendenwirbelsäule und Hüfte sind ausgeschlossen; eine entzündliche Erkrankung liegt nicht vor; die Behandlung ohne Operation wurde über etwa sechs Monate konsequent durchgeführt und hat nicht ausreichend geholfen; und die Beschwerden schränken den Alltag erheblich ein. Ein anderer, seltener Grund ist eine echte Instabilität des Gelenks nach einer Beckenverletzung. Der Wunsch nach einer schnellen Lösung ist kein Grund, denn das Gelenk lässt sich nicht wieder „entsteifen“.

Operative Möglichkeiten

Der Eingriff ist die Versteifung des Iliosakralgelenks (ISG-Verschraubung, Arthrodese). Diesen Eingriff bieten wir an. Sein Ziel ist, die verbliebene Restbewegung im Gelenk zu beenden, damit es knöchern durchbaut und als Schmerzquelle ausfällt. Die Beweglichkeit des Rückens verändert sich dadurch kaum, weil das Gelenk ohnehin fast unbeweglich ist.

  1. AblaufIn Vollnarkose und Bauch- oder Seitenlage wird über einen kurzen Hautschnitt seitlich am Gesäß unter Röntgenkontrolle, gegebenenfalls mit Navigation, ein Kanal durch das Darmbein über das Gelenk in das Kreuzbein angelegt. Darin werden Schrauben oder dreieckige Titanimplantate verankert, die das Gelenk überbrücken. Der Eingriff ist vergleichsweise kurz, der Krankenhausaufenthalt meist wenige Tage.
  2. RisikenWie bei jeder Operation Infektion, Nachblutung, Thrombose und Narkoserisiken. Eingriffsspezifisch: eine Fehllage der Implantate mit Reizung oder Verletzung der Nervenwurzeln, die neben dem Kreuzbein verlaufen — mit Gefühlsstörung, Schmerz oder Schwäche im Bein —, ein Bruch des Darmbeins, eine spätere Lockerung, ein Ausbleiben der knöchernen Verwachsung und anhaltende Schmerzen trotz technisch gelungener Versteifung, etwa weil das Gelenk doch nicht die alleinige Quelle war. Die Gegenseite, die Hüfte und die untere Lendenwirbelsäule können danach stärker belastet sein. Was davon in Ihrer Situation im Vordergrund steht, besprechen wir vor dem Eingriff.
  3. NachbehandlungAufstehen am Operationstag oder am Tag danach, für einige Wochen Teilbelastung des operierten Beins mit Unterarmgehstützen, danach Belastungsaufbau und Physiotherapie. Die knöcherne Verwachsung braucht Monate und wird mit Röntgen- oder CT-Aufnahmen kontrolliert. Wie lange Sie arbeitsunfähig sind, hängt von Ihrer Tätigkeit ab.

Zur Einordnung: In den beiden randomisierten Studien berichteten Operierte nach zwei Jahren über deutlich weniger Schmerzen und weniger Einschränkung als konservativ Behandelte. Beide Studien waren nicht verblindet und wurden vom Hersteller der Implantate finanziert; Langzeitdaten über viele Jahre sind knapp. Wir sagen Ihnen das, damit Sie die Erwartungen richtig setzen. Offene Verfahren mit Knochenanlagerung sind größere Eingriffe und heute die Ausnahme.

Alternativen

Die wichtigste Alternative ist, bei der Behandlung ohne Operation zu bleiben und sie konsequent durchzuführen: Training, Ausgleich von Belastungsfaktoren, bei Bedarf eine Infiltration oder Denervation, bei anhaltenden Beschwerden die multimodale Schmerztherapie. Wenn Ihnen andernorts zu einer Versteifung geraten wurde, können Sie bei uns eine Zweitmeinung einholen.

Wie es weitergeht

Bei den meisten Menschen bessert sich das ISG-Syndrom mit gezieltem Training über Wochen bis Monate, auch wenn Rückfälle bei Überlastung vorkommen. Nach Schwangerschaften klingen die Beschwerden meist mit der Rückbildung der Bänder ab. Was Sie selbst tun können: Gesäß- und Rumpfmuskulatur dauerhaft kräftigen, einseitige Belastungen und langes Sitzen vermeiden, beim Aufstehen und Heben das Becken gerade halten. Nach einer Versteifung geht es um den geduldigen Belastungsaufbau, bis das Gelenk verwachsen ist. Neue Beschwerden auf der Gegenseite oder in der Hüfte sind ein Grund zur Wiedervorstellung.

Häufige Fragen

Kann man eine „ISG-Blockade“ einrenken?

Manuelle Griffe können die Beschwerden kurzfristig lösen. Eine tatsächlich verkeilte Gelenkstellung wird dabei nach heutigem Wissen nicht „zurückgesetzt“; die Wirkung beruht eher auf Muskel- und Schmerzreaktionen. Dauerhaft hilft, was das Gelenk entlastet: Training.

Sieht man das ISG-Syndrom im MRT?

Meist nicht. Verschleißzeichen am Gelenk sind häufig und erklären den Schmerz nicht; ein unauffälliges MRT schließt ein ISG-Syndrom nicht aus. Das MRT ist wichtig, um Entzündung, Brüche und Ursachen an der Lendenwirbelsäule auszuschließen.

Ischias oder ISG — wie unterscheide ich das?

Ischias zieht entlang eines Streifens bis in Unterschenkel oder Fuß, oft mit Kribbeln oder Schwäche, und verstärkt sich beim Husten und Vorbeugen. ISG-Schmerz sitzt tief am Kreuz auf einer Seite, bleibt meist oberhalb des Knies und meldet sich beim Aufstehen, Treppensteigen und Umdrehen im Bett. Sicher trennen lässt sich das nur bei der Untersuchung.

Wie sicher ist die Diagnose vor einer Versteifung?

Nie ganz. Deshalb verlangen wir vor einer Operation mehrere übereinstimmende Provokationstests, eine wiederholte bildgesteuerte Betäubung mit deutlicher Linderung und den Ausschluss aller anderen Ursachen — und nehmen uns dafür Zeit.

Brauche ich eine Überweisung?

Nein. Sinnvoll ist sie, weil sie uns die Vorgeschichte mitliefert. Bringen Sie vorhandene Aufnahmen und Befunde mit, auch Berichte über frühere Spritzen und deren Wirkung; alles Weitere steht auf der Seite Ihr erster Termin.

Quellen

  1. DGOU: S2k-Leitlinie Spezifischer Kreuzschmerz, AWMF-Registernummer 187-059, Stand 2024 (gültig bis März 2028).
  2. IQWiG, gesundheitsinformation.de: Rücken- und Kreuzschmerzen, Stand August 2025.
  3. Cohen S. P.: Sacroiliac joint pain: a comprehensive review of anatomy, diagnosis, and treatment. Anesthesia and Analgesia 101 (5), 2005.
  4. Laslett M. et al.: Diagnosis of sacroiliac joint pain: validity of individual provocation tests and composites of tests. Manual Therapy 10 (3), 2005.
  5. Szadek K. M. et al.: Diagnostic validity of criteria for sacroiliac joint pain: a systematic review. Journal of Pain 10 (4), 2009.
  6. Juch J. N. S. et al.: Effect of Radiofrequency Denervation on Pain Intensity Among Patients With Chronic Low Back Pain: The Mint Randomized Clinical Trials. JAMA 318 (1), 2017.
  7. Dengler J. et al.: Randomized Trial of Sacroiliac Joint Arthrodesis Compared with Conservative Management for Chronic Low Back Pain Attributed to the Sacroiliac Joint. Journal of Bone and Joint Surgery (American) 101 (5), 2019 (herstellerfinanziert, nicht verblindet).
  8. Polly D. W. et al.: Two-Year Outcomes from a Randomized Controlled Trial of Minimally Invasive Sacroiliac Joint Fusion vs. Non-Surgical Management for Sacroiliac Joint Dysfunction. International Journal of Spine Surgery 10, 2016 (herstellerfinanziert, nicht verblindet).
  9. Gemeinsamer Bundesausschuss: Richtlinie zum Zweitmeinungsverfahren (Zm-RL), Eingriffe an der Wirbelsäule, in Kraft seit November 2021.

Medizinisch geprüft von Eyad Al-Kahlout · 14. September 2026

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