Die ISG-Verschraubung versteift das Kreuz-Darmbein-Gelenk — das Iliosakralgelenk, kurz ISG. Über einen kurzen Hautschnitt seitlich am Gesäß werden Schrauben oder dreieckige Titanimplantate durch das Darmbein über das Gelenk in das Kreuzbein eingebracht. Ziel ist, die verbliebene Restbewegung zu beenden, damit das Gelenk knöchern durchbaut und als Schmerzquelle ausfällt. Der Eingriff ist selten und an eine strenge Indikation gebunden: Er kommt erst infrage, wenn das ISG-Syndrom als Ursache wirklich gesichert ist und die Behandlung ohne Operation über Monate nicht gereicht hat. Diesen Eingriff führen wir durch.
Bei dieser Operation entscheidet die Diagnostik über den Erfolg, nicht die Technik. Kein Bild beweist, dass der Schmerz aus dem Kreuz-Darmbein-Gelenk kommt. Erst mehrere übereinstimmende Untersuchungsgriffe und eine gezielte Betäubung des Gelenks mit deutlicher Linderung machen die Diagnose belastbar — und nur dann ist eine Versteifung überhaupt ein Thema.
Für wen kommt die ISG-Verschraubung infrage?
Für sehr wenige Menschen mit Kreuzschmerzen. Das Kreuz-Darmbein-Gelenk ist nur bei einem Teil der Betroffenen die Quelle, und die allermeisten kommen ohne Operation zurecht. Wir verlangen deshalb, dass mehrere Bedingungen gleichzeitig erfüllt sind — nicht eine davon, sondern alle.
- Die Beschwerden passen — einseitiger Schmerz tief am Kreuz, unterhalb der Gürtellinie, mit Ausstrahlung in Gesäß, Leiste oder Oberschenkelrückseite, verstärkt beim Aufstehen aus dem Sitzen, beim Treppensteigen und beim Stehen auf einem Bein.
- Mehrere Provokationstests sind positiv — Untersuchungsgriffe, die das Gelenk gezielt unter Spannung setzen. Ein einzelner Test sagt wenig; erst wenn mehrere von ihnen den bekannten Schmerz auslösen, steigt die Treffsicherheit deutlich.
- Eine gezielte Infiltration hat deutlich gelindert — unter Röntgen- oder CT-Kontrolle wird ein örtliches Betäubungsmittel in das Gelenk gespritzt. Lässt der Schmerz für die Wirkdauer klar nach, spricht das für das Gelenk. Weil auch dieser Test täuschen kann, wird er vor einer Operation wiederholt.
- Andere Ursachen sind ausgeschlossen — Bandscheibe, Wirbelkanal, Wirbelgelenke, Hüfte, ein Ermüdungsbruch des Kreuzbeins bei Osteoporose und eine entzündliche Erkrankung, die rheumatologisch behandelt wird.
- Die Behandlung ohne Operation wurde konsequent durchgeführt — über etwa sechs Monate, mit Training, Ausgleich von Belastungsfaktoren und gegebenenfalls Infiltrationen, ohne ausreichende Besserung.
- Der Alltag ist erheblich eingeschränkt — Arbeit, Schlaf, Gehen, Autofahren. Ein Schmerz, mit dem man gut lebt, ist kein Grund für eine Versteifung.
Ein anderer, seltener Grund ist eine echte Instabilität des Gelenks nach einer Beckenverletzung — dort geht es nicht um Verschleißschmerz, sondern um Tragfähigkeit.
Die Abgrenzung zur Lendenwirbelsäule
Kreuzschmerz aus dem Iliosakralgelenk und Kreuzschmerz aus der unteren Lendenwirbelsäule fühlen sich ähnlich an, und beides kann nebeneinander bestehen. Das ist der wichtigste Grund, warum diese Operation schiefgehen kann: Stammt der Schmerz in Wahrheit aus einem verschlissenen Wirbelgelenk, einer Enge des Wirbelkanals oder einem Gleitwirbel, ändert eine Verschraubung des Beckens daran nichts.
Ein Schmerz, der als Streifen bis in Unterschenkel oder Fuß zieht, mit Kribbeln, Taubheit oder Schwäche, spricht für eine gereizte Nervenwurzel — also für einen Ischias; Beschwerden, die beim Gehen zunehmen und sich im Sitzen erholen, für eine Spinalkanalstenose. Beim ISG-Syndrom ist die neurologische Untersuchung unauffällig; mehr dazu auf der Seite Rückenschmerzen. Besonders sorgfältig sehen wir hin, wenn die untere Lendenwirbelsäule bereits versteift wurde: Nach einer Spondylodese übernimmt das Kreuz-Darmbein-Gelenk mehr Bewegung und wird häufiger schmerzhaft. Die wenigen Situationen, in denen Kreuzschmerz nicht abgewartet werden darf, stehen auf der Seite Warnzeichen.
Was passiert genau?
Das Gelenk wird nicht eröffnet. Die Implantate werden quer durch den Knochen geschoben, so dass sie das Gelenk überbrücken und die Restbewegung stilllegen.
- VorbereitungUntersuchung, Durchsicht aller Bilder und der Berichte über frühere Spritzen, Gespräch über Ziel und Grenzen des Eingriffs. Dazu Narkosegespräch und Blutwerte. Ihre Medikamentenliste ist wichtig, besonders Blutverdünner; ob und wann sie pausiert werden, wird vorher festgelegt.
- Der EingriffIn Vollnarkose, in Bauch- oder Seitenlage. Unter Röntgenkontrolle, gegebenenfalls mit Navigation, wird über einen kurzen Hautschnitt seitlich am Gesäß ein Kanal durch das Darmbein, über den Gelenkspalt hinweg, in das Kreuzbein angelegt. Darin werden zwei bis drei Schrauben oder dreieckige Titanimplantate verankert. Die Lage wird in mehreren Röntgenebenen geprüft, weil die Nervenwurzeln unmittelbar neben dem Kreuzbein verlaufen. Anschließend wird verschlossen und die Haut genäht.
- DanachAufstehen am Operationstag oder am Tag danach. Für einige Wochen wird das operierte Bein nur teilbelastet, meist mit Unterarmgehstützen; danach folgt der Belastungsaufbau mit Physiotherapie. Die knöcherne Verwachsung braucht Monate und wird mit Röntgen- oder CT-Aufnahmen kontrolliert.
Offene Verfahren, bei denen das Gelenk freigelegt und mit Knochen angelagert wird, sind größere Eingriffe und heute die Ausnahme. Die Beweglichkeit des Rückens ändert sich durch die Versteifung kaum, weil das Gelenk ohnehin fast unbeweglich ist — anders als bei einer Versteifung von Wirbeln.
Was die Verschraubung leisten kann — und was nicht
Zwei randomisierte Studien haben den Eingriff mit der Behandlung ohne Operation verglichen. In der europäischen Studie wurden 103 Teilnehmende an neun Zentren zugeteilt; nach zwei Jahren berichtete die operierte Gruppe über deutlich weniger Schmerzen, weniger Einschränkung im Alltag und eine bessere Lebensqualität. Der Anteil derjenigen, die Opioide einnahmen, sank in der Operationsgruppe von 56 von 100 auf 33 von 100. Die amerikanische Studie mit 148 Teilnehmenden kam zu einem ähnlichen Ergebnis.
Diese Ergebnisse sind mit Vorsicht zu lesen, und wir sagen Ihnen warum. Beide Studien waren nicht verblindet — Behandelte und Untersucher wussten, wer operiert worden war, und gerade bei Schmerz als Zielgröße wirkt das stark. Beide wurden vom Hersteller der Implantate finanziert. In der europäischen Studie wechselten 21 der konservativ Behandelten nach sechs Monaten doch zur Operation, was den Vergleich erschwert. Eine Studie gegen einen Scheineingriff fehlt, und Daten über viele Jahre sind knapp.
Was die Verschraubung nicht leistet: Sie behandelt nur das eine Gelenk, ändert nichts an Beschwerden aus Lendenwirbelsäule oder Hüfte und lässt sich nicht zurücknehmen — ein versteiftes Gelenk wird nicht wieder beweglich. Bei einem Teil der Operierten bleiben Beschwerden zurück, auch wenn technisch alles gelungen ist; meist, weil das Gelenk doch nicht die alleinige Quelle war.
Risiken und Nebenwirkungen
Wie bei jeder Operation: Infektion, Nachblutung, Thrombose und Narkoserisiken. Eingriffsspezifisch: eine Fehllage der Implantate mit Reizung oder Verletzung einer Nervenwurzel neben dem Kreuzbein — mit Gefühlsstörung, Schmerz oder Schwäche im Bein; ein Bruch des Darmbeins; eine spätere Lockerung; ein Ausbleiben der knöchernen Verwachsung; anhaltende Schmerzen trotz korrekter Lage. Ein Teil dieser Probleme führt zu einer zweiten Operation.
Nach der Versteifung werden die Nachbarn stärker belastet: die Gegenseite, die Hüfte und die untere Lendenwirbelsäule. Neue Beschwerden dort sind ein Grund zur Wiedervorstellung. Weil unter Röntgenkontrolle gearbeitet wird, gehört eine Strahlenbelastung dazu; sie dient dem Schutz der Nervenwurzeln. Welche Risiken in Ihrer Situation im Vordergrund stehen, besprechen wir vor dem Eingriff.
Vorher und nachher
Vor dem Eingriff: Die Entscheidung fällt nicht im ersten Gespräch. Bringen Sie alle Aufnahmen auf Datenträger mit, dazu Berichte über frühere Spritzen und Ihre eigene Beobachtung, wie lange und wie stark eine Betäubung des Gelenks geholfen hat. Regeln Sie, wer Sie in den ersten Wochen zu Hause unterstützt — Gehstützen verändern den Alltag mehr, als man erwartet. Wer raucht, sollte vor einer Versteifung damit aufhören: Rauchen erschwert die knöcherne Verwachsung.
Nach dem Eingriff: Gehen mit Teilbelastung nach Anweisung, kein schweres Heben, kein Drehen unter Last. Duschen ist nach Wundverschluss meist rasch möglich; Baden und Schwimmen warten, bis die Wunde verheilt ist. Physiotherapie baut zuerst Gesäß- und Rumpfmuskulatur auf, später die Ausdauer. Wie lange Sie arbeitsunfähig sind, hängt von Ihrer Tätigkeit und vom Verlauf ab. Autofahren erst, wenn Sie frei sitzen und bei Bedarf kräftig bremsen können. Nachkontrollen gehören dazu, bis die Verwachsung beurteilt ist — mehr auf der Seite Nachbehandlung und Rehabilitation.
Alternativen
Die wichtigste Alternative ist, die Behandlung ohne Operation konsequent fortzusetzen — oft ist genau das der eigentliche Unterschied. Dazu gehören gezieltes Training von Gesäß-, Bauch- und tiefer Rückenmuskulatur, Dehnung verkürzter Hüftmuskeln, der Ausgleich von Belastungsfaktoren wie einem Beinlängenunterschied oder einer Hüfterkrankung, in Schwangerschaft und Wochenbett ein Beckengurt.
- Infiltration des Gelenks — ein entzündungshemmendes Medikament unter Bildkontrolle kann den Schmerz für Wochen bis Monate lindern und die Zeit für den Muskelaufbau überbrücken; ein dauerhafter Effekt ist nicht belegt. Sie kommt in Betracht, wenn die diagnostische Betäubung das Gelenk wahrscheinlich gemacht hat.
- Verödung der Gelenknerven — die kleinen Nervenäste an der Rückseite des Gelenks werden mit einer Sonde durch Hitze ausgeschaltet. Das kann in Betracht kommen, wenn eine Betäubung deutlich geholfen hat; die Studienlage ist uneinheitlich und die Wirkung zeitlich begrenzt.
- Schmerztherapeutische Behandlung — bei Beschwerden über Monate ein Konzept aus Bewegung, Schmerzmedizin und psychologischen Verfahren; mehr auf der Seite Spezielle Schmerztherapie.
- Behandlung der eigentlichen Ursache — stellt sich bei der Untersuchung doch die Lendenwirbelsäule als Quelle heraus, gelten andere Wege, von der Injektion an die Nervenwurzel bis zur Dekompression.
Häufige Fragen
Wird mein Rücken danach steif?
Nein. Das Gelenk lässt ohnehin nur wenige Grad Bewegung zu; wird es stillgelegt, ändert sich die Beweglichkeit des Rückens kaum. Steifigkeit in den ersten Wochen kommt von der Schonung, nicht von den Implantaten.
Woher weiß ich, dass wirklich das Gelenk schuld ist?
Ganz sicher nie. Deshalb setzen wir vor einer Operation mehrere Bausteine zusammen: passende Beschwerden, übereinstimmende Provokationstests, eine wiederholte bildgesteuerte Betäubung mit deutlicher Linderung und den Ausschluss anderer Ursachen. Fehlt einer davon, raten wir ab.
Muss ich Gehstützen benutzen?
In der Regel ja, für die ersten Wochen, damit die Implantate einwachsen können, bevor das volle Körpergewicht darauf lastet. Wie lange und mit wie viel Gewicht, legen wir individuell fest und passen es bei der Nachkontrolle an.
Müssen die Schrauben wieder entfernt werden?
Nein, sie bleiben. Entfernt oder korrigiert wird nur, wenn sie stören — bei Fehllage mit Nervenreizung, bei Lockerung oder wenn die Verwachsung ausbleibt. Das ist dann ein eigener Eingriff.
Kann die andere Seite später auch Beschwerden machen?
Möglich, weil Gegenseite und Hüfte nach einer Versteifung mehr Last übernehmen. Ob daraus ein behandlungsbedürftiges Problem wird, lässt sich nicht vorhersagen. Regelmäßiges Training der Gesäß- und Rumpfmuskulatur ist das Beste, was Sie dagegen tun können.
Warum raten Sie so oft von dieser Operation ab?
Weil die Diagnose schwierig und der Eingriff endgültig ist. Kommt der Schmerz aus einer anderen Quelle, hilft auch eine technisch einwandfreie Versteifung nicht. Wir sagen lieber einmal zu oft, dass die Voraussetzungen nicht erfüllt sind.
Wenn Ihnen andernorts zu einer Versteifung des Kreuz-Darmbein-Gelenks geraten wurde, können Sie bei uns eine Zweitmeinung einholen. Wir sehen uns Ihre Bilder an, untersuchen Sie, gehen die Voraussetzungen Punkt für Punkt durch und sagen Ihnen offen, ob wir die Empfehlung teilen — und was passiert, wenn Sie zunächst abwarten. Was Sie mitbringen sollten, steht auf der Seite Ihr erster Termin.