Rückenschmerzen sind der häufigste Grund, warum Menschen zu uns kommen — und der seltenste Grund für eine Operation. Beides gehört zusammen: Bei den meisten Rückenschmerzen findet sich keine Struktur, die man reparieren könnte, und das ist eine gute Nachricht, keine schlechte. Diese Seite erklärt, was hinter Rückenschmerzen stecken kann, woran wir die wenigen Ursachen erkennen, die eine gezielte Behandlung brauchen, was Sie in den ersten Wochen selbst tun können und wann Sie nicht warten sollten.
Die meisten Rückenschmerzen haben keine gefährliche Ursache und vergehen innerhalb von Tagen oder Wochen — am schnellsten, wenn man in Bewegung bleibt. Die Kunst besteht darin, die wenigen zu erkennen, bei denen das nicht gilt.
Was hinter Rückenschmerzen steckt
Bei mehr als 85 von 100 Menschen mit Rückenschmerzen lässt sich keine eindeutige Ursache feststellen. Die Medizin nennt das nicht-spezifischen Kreuzschmerz, und das Wort „nicht-spezifisch“ bedeutet nicht „eingebildet“, sondern: Der Schmerz kommt aus Muskeln, Bändern, Gelenkkapseln und Bandscheiben, die überlastet, verspannt oder gereizt sind, ohne dass eine einzelne Struktur als Übeltäter zu benennen wäre. Solche Schmerzen sind meist dumpf, breit im unteren Rücken oder zwischen den Schulterblättern verteilt, wechseln mit Haltung und Tageszeit und strahlen höchstens ins Gesäß oder in die Oberschenkel aus.
Bei den übrigen findet sich eine spezifische Ursache — eine Struktur, die den Schmerz erklärt und deren Behandlung ihn ändert. Die häufigsten sind Verschleißveränderungen: ein Bandscheibenvorfall, eine Enge des Wirbelkanals, verschlissene Wirbelgelenke, ein Gleitwirbel, das Kreuz-Darmbein-Gelenk. Seltener sind Wirbelbrüche bei Osteoporose, Entzündungen, rheumatische Erkrankungen und Tumoren. Und gelegentlich kommt ein „Rückenschmerz“ gar nicht aus dem Rücken, sondern aus Niere, Bauchspeicheldrüse, Bauchschlagader oder den Unterleibsorganen. Die Aufgabe der ersten Untersuchung ist nicht, ein Bild zu machen, sondern diese Gruppen auseinanderzuhalten.
Woran wir erkennen, woher es kommt
Das Gespräch trägt am meisten bei. Seit wann, wie hat es begonnen, wo genau, zieht es ins Bein und bis wohin? Was macht es schlimmer — Sitzen, Stehen, Gehen, Vorbeugen, Rückbeugen, Husten, Drehen im Bett, die Nacht? Was macht es besser? Gibt es Kribbeln, Taubheit, Schwäche, Fieber, Gewichtsverlust, eine Krebserkrankung in der Vorgeschichte, eine Kortisonbehandlung, einen Sturz? Dann die Untersuchung: Haltung, Beweglichkeit, Klopfschmerz über den Wirbeln, Kraft von Fuß und Zehen, Reflexe, Gefühl, Dehnungszeichen der Nerven, Belastungstests für Kreuz-Darmbein-Gelenk und Hüfte. Daraus ergibt sich in den allermeisten Fällen eine klare Richtung, bevor irgendein Bild gemacht wurde.
Bildgebung ist deshalb nicht der erste Schritt, sondern eine Antwort auf eine konkrete Frage. Die Nationale VersorgungsLeitlinie empfiehlt bei akutem Kreuzschmerz ohne Warnzeichen keine Röntgen-, CT- oder MRT-Aufnahme; sinnvoll wird sie bei Warnzeichen, bei Nervenausfällen und wenn die Beschwerden nach vier bis sechs Wochen trotz Behandlung nicht besser werden. Der Grund ist nicht Sparsamkeit: Bildgebende Untersuchungen zeigen auch bei vielen Menschen ohne Rückenbeschwerden Auffälligkeiten. Etwa 20 von 100 der 20- bis 40-Jährigen und mehr als 80 von 100 der über 70-Jährigen haben eine vorgewölbte Bandscheibe, ohne davon etwas zu spüren. Ein Bild ohne Fragestellung findet solche Zufallsbefunde — und macht aus einem Rückenschmerz, der vergangen wäre, eine Diagnose, die bleibt.
Die häufigsten Ursachen
Nicht-spezifischer Kreuzschmerz
Die große Mehrheit. Typisch: ein dumpfer, breit verteilter Schmerz im unteren Rücken, oft nach ungewohnter Belastung, langem Sitzen oder einer ungünstigen Bewegung, morgens steif, im Laufe des Tages besser, ohne Ausstrahlung unter das Knie, ohne Kribbeln, Taubheit oder Schwäche. Er kann heftig sein — der „Hexenschuss“ ist seine akute Form — und ist trotzdem harmlos. Stress, Schlafmangel, Sorgen und Angst vor Bewegung verstärken ihn und verlängern ihn; das ist keine Einbildung, sondern die Art, wie das Nervensystem Schmerz verarbeitet.
Bandscheibenvorfall
Typisch: ein scharfer Schmerz, der vom Rücken entlang eines Streifens ins Bein zieht, oft bis in Fuß oder Zehen, schlimmer beim Husten, Niesen, Sitzen und Vorbeugen, oft mit Kribbeln oder Taubheit in demselben Streifen, manchmal mit einer Schwäche beim Heben des Fußes. Der Beinschmerz ist meist stärker als der Rückenschmerz. Mehr dazu auf den Seiten Bandscheibenvorfall der Lendenwirbelsäule und Ischias.
Spinalkanalstenose
Typisch: im höheren Lebensalter schwere, müde oder kribbelnde Beine nach einer gewissen Gehstrecke, die sich im Sitzen oder beim Vorbeugen erholen; Radfahren geht, Gehen nicht; der Rücken schmerzt beim Stehen und Rückbeugen. Mehr dazu auf der Seite Spinalkanalstenose.
Wirbelgelenke und Kreuz-Darmbein-Gelenk
Typisch für die kleinen Wirbelgelenke: ein tiefer Kreuzschmerz beim Rückbeugen und Drehen, morgens steif, mit Ausstrahlung ins Gesäß und in die Oberschenkel, aber nicht unter das Knie, ohne Kribbeln oder Schwäche. Typisch für das Kreuz-Darmbein-Gelenk: ein einseitiger Schmerz unterhalb der Gürtellinie, den man mit einem Finger zeigen kann, schlimmer beim Aufstehen aus dem Sitzen, beim Drehen im Bett und beim Stehen auf einem Bein. Mehr auf den Seiten Facettengelenksarthrose und ISG-Syndrom.
Wirbelgleiten
Typisch: ein tief sitzender Kreuzschmerz beim Stehen, Gehen und Rückbeugen, der im Sitzen nachlässt, manchmal mit dem Gefühl, der Rücken „halte nicht“; bei Jugendlichen nach Sportarten mit Überstreckung. Ob der verschobene Wirbel die Ursache ist oder ein Zufallsbefund, klärt die Untersuchung. Mehr auf der Seite Wirbelgleiten.
Wirbelbruch bei Osteoporose
Typisch: ab dem mittleren Lebensalter ein plötzlicher, genau lokalisierbarer Schmerz in der Mitte des Rückens nach einer banalen Belastung — Heben, Husten, Stolpern —, der beim Aufrichten und Stehen stärker wird und im Liegen nachlässt; die Stelle ist klopfempfindlich. Oft bei bekannter Osteoporose, nach Kortisonbehandlung oder bei Größenverlust. Mehr auf den Seiten Wirbelkörperbruch und Osteoporose.
Seltene, aber wichtige Ursachen
Entzündung — eine bakterielle Infektion von Bandscheibe und Wirbel (Spondylodiszitis) macht einen zunehmenden, auch nachts und in Ruhe anhaltenden Schmerz, oft mit Fieber, Abgeschlagenheit oder nach einem Infekt oder Eingriff. Rheumatische Erkrankung — die axiale Spondyloarthritis (Morbus Bechterew) beginnt meist vor dem 45. Lebensjahr mit einem schleichenden Kreuzschmerz, der nachts und in der zweiten Nachthälfte weckt, mit Morgensteifigkeit über eine halbe Stunde, und der sich durch Bewegung bessert, durch Ruhe verschlechtert. Tumor — ein nicht nachlassender, nächtlicher Schmerz bei bekannter Krebserkrankung, mit ungewolltem Gewichtsverlust oder Nachtschweiß, spricht für eine Wirbelkörpermetastase. Innere Organe — kolikartiger Flankenschmerz mit Blut im Urin (Niere), gürtelförmiger Oberbauch-Rücken-Schmerz (Bauchspeicheldrüse), plötzlicher reißender Schmerz mit Kreislaufschwäche (Bauchschlagader), zyklusabhängiger Schmerz (Unterleib) gehören in andere Fachgebiete.
- Breit im Kreuz, wechselnd, kein Bein, kein KribbelnSpricht für nicht-spezifischen Kreuzschmerz.
- Streifen bis in den Fuß, Husten verstärktSpricht für die Bandscheibe.
- Beine schwer beim Gehen, besser beim SitzenSpricht für die Enge des Wirbelkanals.
- Tief im Kreuz beim Rückbeugen, ein Punkt unter der GürtellinieSpricht für Wirbelgelenke oder Kreuz-Darmbein-Gelenk.
- Plötzlich, ein Wirbel klopfempfindlich, ab dem mittleren AlterSpricht für einen Wirbelbruch.
- Nachts, in Ruhe, mit Fieber oder GewichtsverlustSpricht für Entzündung, Rheuma oder Tumor — abklären.
Diese Muster sind Faustregeln, keine Diagnosen. Sie helfen Ihnen, Ihre Beschwerden zu beschreiben — die Zuordnung treffen wir gemeinsam nach der Untersuchung. Mehr als eine Ursache zugleich ist möglich und im höheren Alter häufig.
Warnzeichen
Bei drei Zeichen ist der Rückenschmerz kein Fall für die Warteliste, sondern für den Notruf: Taubheit im Bereich von Gesäß und Damm, eine neue Störung beim Wasserlassen oder Stuhlgang, eine Lähmung, die innerhalb von Stunden oder Tagen zunimmt. Innerhalb weniger Tage abklären lassen sollten Sie eine neue Schwäche in Bein oder Fuß, Schmerzen mit Fieber, Schmerzen nach einem Sturz oder Unfall, einen neuen Rückenschmerz bei bekannter Krebserkrankung oder Osteoporose, Schmerzen mit ungewolltem Gewichtsverlust und Schmerzen, die nachts und in Ruhe nicht nachlassen. Mehr dazu auf der Seite Warnzeichen.
Was Sie jetzt tun können
- In Bewegung bleiben. Bettruhe verlängert die Beschwerden. Gehen Sie, so weit es geht, bleiben Sie im Alltag aktiv und unterbrechen Sie das Sitzen alle halbe Stunde. Schmerz bei Bewegung bedeutet nicht Schaden.
- Wärme. Wärmflasche, Wärmepflaster oder ein warmes Bad entspannen die Muskulatur und lindern für einige Stunden.
- Schmerzmittel gezielt und kurz. Ein entzündungshemmendes Mittel für einige Tage in der niedrigsten wirksamen Dosis, sofern nichts dagegen spricht — damit Sie sich bewegen können, nicht damit Sie liegen können. Fragen Sie in der Hausarztpraxis oder Apotheke, was zu Ihren anderen Medikamenten passt.
- Den Fuß prüfen. Einmal am Tag Fersenstand, Zehenstand, Großzehe heben. Wird das schwächer, melden Sie sich.
- Kein Bild auf eigene Faust. Ein MRT ohne Fragestellung beantwortet keine Frage. Es zeigt Veränderungen, die fast jeder hat, und macht Sorgen, die vorher nicht da waren.
- Nach dem Abklingen: trainieren. Ohne Training bekommen etwa 50 von 100 Menschen innerhalb eines Jahres erneut Kreuzschmerzen, mit regelmäßigem Training etwa 30 von 100. Regelmäßige Spaziergänge senken die Häufigkeit fast ebenso gut.
Wann Sie einen Termin ausmachen sollten
Wenn der Schmerz nach etwa zwei bis vier Wochen nicht deutlich besser wird, wenn er ins Bein zieht oder Kribbeln, Taubheit oder Schwäche dazukommen, wenn er Sie am Schlafen oder Arbeiten hindert, wenn er immer wiederkehrt oder wenn Sie einfach wissen möchten, woher er kommt. Sie brauchen dafür keine Überweisung und kein MRT. Bringen Sie mit, was Sie haben — Aufnahmen auf CD, Arztbriefe, Ihre Medikamentenliste — und kommen Sie auch, wenn nichts davon vorliegt. Was am ersten Termin passiert, steht auf der Seite Ihr erster Termin.
Wie es meistens weitergeht
Nicht-spezifische Kreuzschmerzen klingen meist innerhalb einiger Tage oder Wochen ab. Etwa die Hälfte der Betroffenen bekommt ohne regelmäßiges Training innerhalb eines Jahres erneut Kreuzschmerzen — das ist der normale Verlauf einer Beschwerde, die in Wellen kommt, und kein Zeichen, dass etwas übersehen wurde. Die Leitlinien unterscheiden akute Schmerzen bis sechs Wochen, subakute bis zwölf Wochen und chronische darüber hinaus. Bei chronischen Schmerzen verschiebt sich die Behandlung: weg von der Suche nach der einen Struktur, hin zu Training, Schmerzbewältigung und — bei Bedarf — einer kombinierten Behandlung aus Bewegung, Schmerzmedizin und psychologischer Begleitung. Spezifische Ursachen haben ihren eigenen Verlauf, der auf den jeweiligen Seiten beschrieben ist. Eine Operation ist bei keiner Form von Rückenschmerz der erste Schritt — und beim nicht-spezifischen Kreuzschmerz kein Schritt.
Die passenden Erkrankungen
Wenn Sie sich in einem der Muster wiedererkannt haben, finden Sie hier die ausführlichen Seiten mit Verlauf, Diagnostik und Behandlung ohne und mit Operation:
- Bandscheibenvorfall der Lendenwirbelsäule — der Schmerz, der ins Bein zieht, mit dem, was Sie über Abwarten, Spritzen und Operation wissen sollten.
- Spinalkanalstenose — die Enge des Wirbelkanals mit der kurzen Gehstrecke.
- Facettengelenksarthrose und ISG-Syndrom — Schmerz aus den Gelenken des Rückens und des Beckens.
- Wirbelgleiten — der verschobene Wirbel und die Frage, ob er die Ursache ist.
- Wirbelkörperbruch und Osteoporose — der Bruch ohne Unfall und die Erkrankung dahinter.
- Wirbelkörpermetastasen — Rückenschmerz bei Krebserkrankung.
- Warnzeichen — die wenigen Zeichen, bei denen Sie nicht auf einen Termin warten sollten.
Bei einer rheumatischen Ursache, einer Infektion oder einem Schmerz aus den inneren Organen leiten wir Sie an das passende Fachgebiet weiter — die Untersuchung, die das klärt, findet bei uns statt.