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Erkrankung

Wirbelgleiten (Spondylolisthesis)

Beim Wirbelgleiten ist ein Wirbel gegenüber dem darunterliegenden nach vorn verschoben — durch Verschleiß oder durch einen Spalt im Wirbelbogen. Meist steht er stabil und macht keine Beschwerden. Eine Versteifung wird nur erwogen, wenn das Segment nachweislich instabil ist, Nerven eingeengt sind und die Behandlung ohne Operation nicht ausreicht.

Auch bekannt als: Spondylolisthesis, Spondylolisthese, Gleitwirbel, degeneratives Wirbelgleiten, isthmisches Wirbelgleiten, Spondylolyse, Meyerding, Pseudospondylolisthesis, Instabilität der Lendenwirbelsäule

Körperregion: Lendenwirbelsäule

„Wirbelgleiten“ klingt, als wäre etwas in Bewegung, das dringend festgehalten werden müsste. Meist ist das Gegenteil richtig: Ein Wirbel, der über Jahre ein Stück nach vorn gerutscht ist, steht in aller Regel stabil und macht oft gar keine Beschwerden. Diese Seite erklärt, welche Formen es gibt, woran wir erkennen, ob das Gleiten tatsächlich die Ursache Ihrer Beschwerden ist, und wann eine Versteifung überhaupt zur Diskussion steht.

Entscheidend ist nicht, wie weit der Wirbel verschoben ist, sondern ob er sich noch bewegt, ob er Nerven einengt — und ob das zu Ihren Beschwerden passt. Erst wenn alle drei Fragen mit Ja beantwortet sind, wird über eine Operation gesprochen.

Was ist das?

Beim Wirbelgleiten (Spondylolisthesis) ist ein Wirbelkörper gegenüber dem darunterliegenden nach vorn verschoben. Zwei Formen machen den größten Teil der Fälle aus, und sie haben wenig miteinander gemein. Beim degenerativen Wirbelgleiten geben die kleinen Wirbelgelenke und die Bandscheibe durch Verschleiß nach, sodass der Wirbel langsam nach vorn wandert; betroffen ist meist die Etage L4/5, überwiegend Frauen ab dem mittleren Lebensalter. Weil dabei der Wirbelkanal enger wird, ist diese Form häufig mit einer Spinalkanalstenose verbunden. Beim isthmischen Wirbelgleiten liegt ein Spalt im Wirbelbogen vor (Spondylolyse), der meist in Kindheit oder Jugend entsteht; der Wirbel verliert dadurch seine knöcherne Verriegelung nach hinten und kann abgleiten, fast immer an der untersten Etage L5/S1.

Das Ausmaß der Verschiebung wird nach Meyerding in Grade eingeteilt: Grad I bedeutet eine Verschiebung um bis zu ein Viertel der Wirbelkörpertiefe, Grad II bis zur Hälfte, Grad III bis drei Viertel, Grad IV darüber; beim vollständigen Abkippen spricht man von Spondyloptose. Die allermeisten Befunde sind Grad I oder II. Der Grad beschreibt das Bild, nicht die Beschwerden — ein Grad I kann Nerven einengen, ein Grad II jahrzehntelang stumm bleiben.

Welche Beschwerden treten auf?

Typisch ist ein tief sitzender Kreuzschmerz, der beim Stehen, Gehen und Rückbeugen zunimmt und im Sitzen oder Vorbeugen nachlässt. Manche beschreiben ein Gefühl, als würde der Rücken beim Aufrichten „durchbrechen“ oder nicht halten. Kommen Beinbeschwerden dazu, hängen sie von der Form ab: Beim degenerativen Gleiten macht die begleitende Enge des Wirbelkanals schwere, kribbelnde oder müde Beine nach einer gewissen Gehstrecke, die sich im Sitzen erholen. Beim isthmischen Gleiten wird häufig die Nervenwurzel L5 in ihrem Austrittsloch eingeengt — dann zieht der Schmerz wie ein Ischias an der Außenseite des Beins bis zum Fußrücken, oft mit Kribbeln oder Taubheit.

Ebenso häufig ist der andere Fall: Das Gleiten wird bei einer Untersuchung aus anderem Anlass entdeckt und hat mit den Beschwerden nichts zu tun. Bei Jugendlichen mit frischem Bogenspalt steht meist ein belastungsabhängiger Kreuzschmerz im Vordergrund, oft nach Sportarten mit Überstreckung.

Ursachen

Beim degenerativen Gleiten ist die Reihenfolge meist dieselbe: Die Bandscheibe verliert Höhe, die kleinen Wirbelgelenke werden dadurch stärker belastet, verschleißen und verändern ihre Ausrichtung, die Bänder lockern — und der Wirbel gibt nach vorn nach. Warum Frauen deutlich häufiger betroffen sind, ist nicht abschließend geklärt; hormonelle Einflüsse auf die Bandfestigkeit werden vermutet.

Der Bogenspalt beim isthmischen Gleiten ist in der Regel ein Ermüdungsbruch im Wachstumsalter, begünstigt durch wiederholtes Rückbeugen — Turnen, Speerwurf, Delfinschwimmen, Kampfsport — und durch eine familiäre Veranlagung. Nach Abschluss des Wachstums schreitet das Gleiten nur noch selten voran. Seltener sind angeborene Fehlbildungen der Wirbelgelenke, ein Gleiten nach Unfall, nach einer früheren Wirbelsäulenoperation oder bei Knochenerkrankungen.

Wie wird es festgestellt?

Bei der Untersuchung tasten wir nach einer Stufe über den Dornfortsätzen, prüfen die Beweglichkeit, das Gangbild und die Nervenfunktion — Kraft von Fuß- und Zehenhebern, Reflexe, Gefühl, Dehnungszeichen. Die wichtigste Aufnahme ist dann eine seitliche Röntgenaufnahme im Stehen: Im Liegen, also auch in der Kernspintomografie, kann sich ein Gleitwirbel teilweise zurückstellen, sodass das Ausmaß unterschätzt wird. Aufnahmen in Vorbeuge und Rückbeuge zeigen, ob sich der Wirbel zwischen beiden Stellungen bewegt. Nur dann sprechen wir von Instabilität — ein feststehender Gleitwirbel ist keine.

Die Kernspintomografie zeigt, ob Nervenwurzeln oder der Wirbelkanal eingeengt sind; eine Computertomografie stellt einen Bogenspalt am zuverlässigsten dar. Was die Begriffe im Befund bedeuten, erklärt die Seite MRT-Befund verstehen. Immer gilt: Das Bild muss zu den Beschwerden passen. Ein Gleitwirbel bei L4/5 erklärt keinen Schmerz, der dem Versorgungsgebiet von S1 folgt.

Warnzeichen

Ein Wirbelgleiten ist fast nie ein Notfall. Ausnahmen sind Taubheit im Bereich von Gesäß und Damm, eine neue Störung beim Wasserlassen oder Stuhlgang und eine Lähmung, die innerhalb von Stunden oder Tagen zunimmt — dann gehört die Untersuchung noch am selben Tag in eine Notaufnahme. Alles Weitere auf der Seite Warnzeichen.

Konservative Behandlung

Für die meisten Menschen mit Wirbelgleiten ist die Behandlung ohne Operation die richtige — und sie beginnt mit der Einordnung: Der Wirbel wird nicht „herausrutschen“, und Bewegung schadet ihm nicht. Bettruhe und Schonung verschlechtern die Lage.

  • Physiotherapie und eigenes Training — Kräftigung der tiefen Rumpf- und Rückenmuskulatur, die das Bewegungssegment aktiv stabilisiert; Dehnung der Hüftbeuger und der hinteren Oberschenkelmuskulatur; Vermeiden von wiederholter Überstreckung, solange sie Schmerzen auslöst.
  • Schmerzmittel — entzündungshemmende Mittel für begrenzte Zeit in der niedrigsten wirksamen Dosis, damit Bewegung möglich bleibt. Bei Nervenschmerzen Medikamente, die an der Nervenerregung ansetzen.
  • Gezielte Injektion an die Nervenwurzel (PRT) — wenn eine eingeengte Wurzel den Beinschmerz macht, kann ein entzündungshemmendes Medikament unter Bildkontrolle direkt an die Wurzel gespritzt werden. Das lindert für einige Wochen; ein dauerhafter Effekt ist nicht gesichert. Diese Behandlung bieten wir in unserer Praxis an.
  • Orthese — ein stützendes Mieder kann bei akuten Schmerzen für kurze Zeit entlasten, ist aber keine Dauerlösung, weil es die Muskulatur schwächt. Bei Jugendlichen mit frischem Bogenspalt kann eine Sportpause, gegebenenfalls mit Orthese, dem Bruch Zeit zur Heilung geben.
  • Multimodale Schmerztherapie — bei Beschwerden über Monate eine kombinierte Behandlung aus Bewegung, Schmerzmedizin und psychologischer Begleitung.

Wann eine Operation erwogen wird

Dringend operiert wird nur bei einem Kaudasyndrom oder einer rasch zunehmenden Lähmung. Planbar erwogen wird eine Operation, wenn Beinschmerzen oder eine eingeschränkte Gehstrecke trotz konsequenter Behandlung über mehrere Monate bleiben, der Befund im Bild dazu passt und Sie den Eingriff wollen. Rückenschmerz allein ist nur selten ein Grund; sein Ergebnis nach einer Operation ist weniger vorhersehbar als das des Beinschmerzes.

Die eigentliche Frage lautet dann: Reicht es, die Nerven zu entlasten, oder muss das Segment zusätzlich versteift werden? Große Studien haben dazu unterschiedliche Antworten gegeben. Eine amerikanische Studie fand nach zwei Jahren einen kleinen Vorteil der zusätzlichen Versteifung bei der körperlichen Lebensqualität und weniger Folgeoperationen; eine schwedische und eine norwegische Studie fanden keinen bedeutsamen Unterschied zur alleinigen Entlastung. Eine Versteifung wird deshalb nicht automatisch angehängt, sondern erwogen, wenn Funktionsaufnahmen eine Bewegung des Gleitwirbels zeigen, wenn das Gleiten höhergradig ist oder zunimmt, wenn zur Entlastung so viel Knochen entfernt werden muss, dass das Segment sonst seinen Halt verliert, beim isthmischen Gleiten mit Enge des Nervenaustrittslochs und bei ausgeprägtem, mechanisch ausgelöstem Rückenschmerz.

Operative Möglichkeiten

Zwei Bausteine kommen infrage, einzeln oder kombiniert: die mikrochirurgische Entlastung der eingeengten Nerven und die Versteifung des Gleitsegments mit Schrauben und Stäben (Spondylodese). Beide Eingriffe bieten wir an. Ziel der Versteifung ist nicht, den Wirbel vollständig an seinen alten Platz zurückzuziehen — das ist meist weder nötig noch sinnvoll —, sondern die Bewegung im Segment zu beenden, damit der Knochen es dauerhaft verwachsen lässt.

  1. AblaufIn Vollnarkose und Bauchlage werden über einen Schnitt in der Mitte des Rückens die eingeengten Nerven unter dem Mikroskop freigelegt. Für die Versteifung werden in die beiden beteiligten Wirbel Schrauben eingebracht und mit Stäben verbunden; ob zusätzlich ein Platzhalter mit Knochenmaterial in den Bandscheibenraum eingesetzt wird, hängt vom Befund ab. Die Lage der Implantate wird während des Eingriffs mit Röntgen kontrolliert. Der Eingriff dauert mehrere Stunden, der Krankenhausaufenthalt meist einige Tage.
  2. RisikenWie bei jeder Operation Infektion, Nachblutung, Thrombose und Narkoserisiken. Eingriffsspezifisch: eine Verletzung der Nervenhaut mit Austritt von Nervenwasser, selten eine Schädigung einer Nervenwurzel mit Gefühlsstörung oder Schwäche, eine Fehllage oder spätere Lockerung von Schrauben, ein Ausbleiben der knöchernen Verwachsung mit anhaltenden Beschwerden und die Notwendigkeit eines weiteren Eingriffs. Langfristig kann das Nachbarsegment stärker belastet werden und schneller verschleißen. Ein vorbestehendes Taubheitsgefühl kann bleiben; der Rückenschmerz verschwindet nicht immer vollständig. Was davon in Ihrer Situation im Vordergrund steht, besprechen wir vor dem Eingriff.
  3. NachbehandlungAufstehen am Tag nach der Operation, Gehen ist erwünscht. Für einige Wochen kein schweres Heben, kein Drehen unter Last und kein tiefes Bücken; danach Physiotherapie und später eigenes Training. Die knöcherne Verwachsung braucht Monate und wird mit Röntgenaufnahmen kontrolliert. Eine Anschlussrehabilitation ist häufig sinnvoll. Wie lange Sie arbeitsunfähig sind, hängt von Ihrer Tätigkeit ab.

Bei geeigneten Befunden können Schrauben auch über kleine seitliche Hautschnitte eingebracht werden; ob das im Einzelfall Vorteile hat, hängt vom Befund ab. Bei einem frischen Bogenspalt junger Menschen kann statt einer Versteifung eine direkte Verschraubung des Spalts in Betracht kommen.

Alternativen

Die wichtigste Alternative ist das begleitete Abwarten mit Training, Schmerzbehandlung, bei Bedarf einer Injektion und Kontrollen von Kraft, Gefühl und Gehstrecke. Steht eine Operation an, ist die alleinige Entlastung ohne Versteifung eine echte Alternative, die wir offen mit Ihnen abwägen. Wenn Ihnen andernorts zu einer Versteifung geraten wurde, können Sie bei uns eine Zweitmeinung einholen.

Wie es weitergeht

Ein degeneratives Gleiten schreitet, wenn überhaupt, langsam über Jahre voran, und die Beschwerden verlaufen in Wellen. Ein isthmisches Gleiten verändert sich nach Abschluss des Wachstums nur noch selten. Was Sie selbst tun können: die Rumpfmuskulatur dauerhaft trainieren, Sitzen unterbrechen, Gewicht im Blick behalten, Sportarten mit wiederholter Überstreckung meiden, solange sie Schmerzen auslösen. Beobachten Sie Ihre Gehstrecke und die Kraft in den Füßen — wird eines davon schlechter, melden Sie sich. Nach einer Versteifung gehören Röntgenkontrollen dazu, bis das Segment verwachsen ist.

Häufige Fragen

Kann der Wirbel ganz herausrutschen?

Nein. Bänder, Muskeln und die Form der Wirbelgelenke halten den Wirbel auch dann, wenn er verschoben steht. Ein plötzliches Abgleiten bei einer Alltagsbewegung kommt nicht vor.

Muss ein Wirbelgleiten versteift werden?

In den meisten Fällen nicht. Eine Versteifung wird erwogen, wenn Beschwerden über Monate bleiben, das Segment nachweislich instabil ist oder die Nerven nicht anders entlastet werden können. Viele Gleitwirbel bleiben ein Leben lang ohne Operation.

Was bedeutet „Meyerding Grad I“ in meinem Befund?

Dass der Wirbel um weniger als ein Viertel seiner Tiefe verschoben ist — die mildeste und häufigste Form. Der Grad sagt nichts darüber, ob und wie stark Sie Beschwerden haben.

Darf ich mit Wirbelgleiten Sport treiben?

Ja, Bewegung ist Teil der Behandlung. Gehen, Radfahren, Schwimmen und Krafttraining mit sauberer Technik sind meist gut verträglich. Sportarten mit wiederholtem Rückbeugen oder harten Stößen sollten Sie nur betreiben, wenn sie keine Schmerzen auslösen.

Was soll ich zum ersten Termin mitbringen?

Vorhandene Röntgen-, CT- und MRT-Aufnahmen auf CD samt Befunden, besonders Aufnahmen im Stehen. Alles Weitere steht auf der Seite Ihr erster Termin.

Quellen

  1. DGOU: S2k-Leitlinie Spezifischer Kreuzschmerz, AWMF-Registernummer 187-059, Stand 2024 (gültig bis März 2028).
  2. Matz P. G. et al. (North American Spine Society): Guideline summary review: An evidence-based clinical guideline for the diagnosis and treatment of degenerative lumbar spondylolisthesis. The Spine Journal 16 (3), 2016.
  3. Ghogawala Z. et al.: Laminectomy plus Fusion versus Laminectomy Alone for Lumbar Spondylolisthesis. New England Journal of Medicine 374, 2016.
  4. Försth P. et al.: A Randomized, Controlled Trial of Fusion Surgery for Lumbar Spinal Stenosis. New England Journal of Medicine 374, 2016.
  5. Austevoll I. M. et al.: Decompression with or without Fusion in Degenerative Lumbar Spondylolisthesis. New England Journal of Medicine 385, 2021.
  6. Fredrickson B. E. et al.: The natural history of spondylolysis and spondylolisthesis. Journal of Bone and Joint Surgery (American) 66, 1984.
  7. Meyerding H. W.: Spondylolisthesis. Surgery, Gynecology and Obstetrics 54, 1932; Wiltse L. L., Newman P. H., Macnab I.: Classification of spondylolisis and spondylolisthesis. Clinical Orthopaedics and Related Research 117, 1976.
  8. Deutsche Wirbelsäulengesellschaft: S3-Leitlinie Epidurale Injektionen bei degenerativen Erkrankungen, AWMF-Registernummer 151-005, 2025.
  9. IQWiG, gesundheitsinformation.de: Rücken- und Kreuzschmerzen, Stand August 2025.
  10. Gemeinsamer Bundesausschuss: Richtlinie zum Zweitmeinungsverfahren (Zm-RL), Eingriffe an der Wirbelsäule, in Kraft seit November 2021.

Medizinisch geprüft von Eyad Al-Kahlout · 14. September 2026

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